Wie wirken systemische Aufstellungen? – Wirkung & Forschung 

Aufstellungen machen innere Beziehungsbilder räumlich, emotional und körperlich erfahrbar. Ihre Wirkung lässt sich wahrscheinlich nicht auf einen einzelnen Mechanismus zurückführen, sondern auf das Zusammenspiel mehrerer Prozesse.

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Wie wirken systemische Aufstellungen?

Aufstellungen machen innere Beziehungsbilder räumlich, emotional und körperlich erfahrbar. Ihre Wirkung lässt sich wahrscheinlich nicht auf einen einzelnen Mechanismus zurückführen, sondern auf das Zusammenspiel mehrerer Veränderungsprozesse.

Inhaltsverzeichnis

Was passiert eigentlich in einer Aufstellung?

Menschen tragen innere Bilder ihrer Beziehungen mit sich.

Wir erleben, wer uns nahe oder fern ist. Wem gegenüber wir uns klein fühlen. Wer scheinbar hinter uns steht. Wo jemand zwischen uns und einem anderen Menschen zu stehen scheint. Oder von wem wir endlich etwas mehr Abstand brauchen.

Dass wir Beziehungen räumlich erleben, zeigt sich schon in unserer Alltagssprache: Jemand steht uns nahe. Wir fühlen uns zurückgesetzt. Jemand stärkt uns den Rücken. Wir stehen Seite an Seite. Oder wir möchten Abstand gewinnen.

Aufstellungen greifen diese räumliche Seite unseres Beziehungserlebens auf. Personen, innere Anteile, Ziele, Hindernisse oder andere wichtige Elemente werden im Raum dargestellt. Dadurch entsteht ein Bild, auf das die aufstellende Person von außen schauen kann.

Was vorher hauptsächlich im eigenen Erleben organisiert war, wird damit beobachtbar und veränderbar. Wir sprechen deshalb gern von einer Art Raumsprache.

Die räumliche Darstellung ist dabei für uns keine objektive Landkarte eines Familiensystems oder einer Organisation. Sie bildet zunächst ab, wie ein Mensch sein Thema und die damit verbundenen Beziehungen in seinem Erleben organisiert .

Genau darin liegt ihr Wert.

Eine Aufstellung ist für uns keine Offenbarung darüber, wie ein System „wirklich“ ist. Sie ist ein Modell der inneren Beziehungsbilder unseres Klienten.

Sechs Prozesse, die zur Wirkung von Aufstellungen beitragen können

1. Innere Beziehungsbilder werden räumlich sichtbar

Ein Problem verändert sich oft schon dadurch, dass wir nicht mehr ausschließlich mitten darin stehen.

Stellen wir beispielsweise einen Konflikt mit einer anderen Person auf, können plötzlich Abstände, Blickrichtungen und Positionen sichtbar werden, wenn wir dies von außen sehen. Vielleicht steht eine Person sehr nah. Vielleicht wenden sich zwei Personen voneinander ab. Vielleicht befindet sich etwas zwischen ihnen. Oder ein wichtiger Aspekt, der vorher kaum beachtet wurde, bekommt erstmals einen eigenen Platz.

Damit entsteht Distanz zum Problem – und gleichzeitig eine neue Möglichkeit, es zu betrachten, mehr Überblick und mehr emotionaler Abstand. Aus einer inneren Erfahrung wird eine äußere Anordnung:

Ich kann auf mein eigenes System schauen und mit einer beratenden Person darauf schauen.

Diese Externalisierung kann helfen, komplexe Erfahrungen zu strukturieren und Zusammenhänge zu erkennen, die vorher nur schwer greifbar waren.

2. Relevantes Erleben wird aktualisiert – und ein Spürraum entsteht

Aufstellungen bleiben aber nicht beim Betrachten stehen.

Die StellvertreterInnen betreten Positionen, verändern Abstände oder wenden sich bestimmten Personen oder inneren Anteilen zu. Dabei kann sich das Beziehungserleben des betrachtenden Klienten und der aufgestellten StellvertreterInnen verändern: Ein Gefühl wird stärker. Der Atem wird freier. Eine Anspannung entsteht. Ein Impuls, zurückzuweichen oder näherzukommen, wird spürbar. Manchmal taucht auch eine Erinnerung oder eine vertraute Beziehungserfahrung auf.

Ein wichtiger Teil unserer Arbeit besteht deshalb zunächst darin, einen Spürraum zu öffnen: Was geschieht gerade? Was verändert sich im Körper? Wo wird es enger oder weiter? Was geschieht, wenn sich Nähe oder Abstand verändern? Welche Bewegung möchte entstehen? Was ist für Klient und sein System stimmig und angemessen?

Solche Wahrnehmungen müssen nicht sofort erklärt werden. Gerade eine phänomenologische Haltung bedeutet für uns, zunächst bei dem zu bleiben, was sich zeigt – möglichst urteilsfrei wahrzunehmen – bevor wir daraus eine Geschichte oder Erklärung machen.

Auf diese Weise wird ein Anliegen nicht nur besprochen. Es wird gegenwärtig erlebbar.

3. Perspektiven erweitern sich – und Ausgeblendetes kann wieder in den Blick kommen

Wenn wir mitten in einem Konflikt stehen, erscheint uns unsere eigene Perspektive oft selbstverständlich. Aufstellungen ermöglichen es, diese Perspektive vorübergehend zu verlassen.

Eine Person kann ihr System von außen betrachten. Sie kann eine andere Position einnehmen. Sie kann sich fragen, wie eine Situation aus einem größeren Zusammenhang heraus oder einer anderen Perspektive erscheint.

Damit wissen wir noch lange nicht, was ein anderer Mensch tatsächlich denkt oder fühlt. Aber wir erweitern den Raum möglicher Wahrnehmungen, unser Verständnis und Empathie.

Manchmal wird dadurch etwas sichtbar, das bisher wenig Platz hatte: ein eigenes Bedürfnis, ein innerer Anteil, eine Ressource, eine Grenze, eine übernommene Verantwortung, eine Person oder auch eine Realität, die bisher schwer anzuerkennen war.

Veränderung bedeutet deshalb nicht immer, etwas Problematisches zu beseitigen. Manchmal besteht der entscheidende Schritt darin, etwas wieder mit in den Blick zu nehmen, anzuschauen und anzuerkennen.

In diesem Sinne verstehen wir Aufstellungsarbeit auch als Integrationsarbeit. Was bislang ausgeschlossen, übersehen oder schwer miteinander vereinbar war, darf Teil eines größeren inneren Bildes werden.

4. Neue Beziehungserfahrungen können entstehen

Erkenntnis und Einsicht allein reicht oft nicht für eine Veränderung. Wir können sehr genau verstehen, warum wir in einer bestimmten Situation reagieren oder warum ein Verhalten dysfunktional ist – und trotzdem geschieht uns beim nächsten Mal wieder das gleiche.

Ein besonderer Wert von Aufstellungen besteht darin, dass sie die Möglichkeit bieten, eine andere Erfahrung nicht nur zu denken, sondern tatsächlich zu erproben und zu erleben – mit Bauch, Herz, Kopf und Hand – quasi „All in“.

Eine Person kann beispielsweise erleben: Ich darf Abstand nehmen. Ich kann Nein sagen. Ich muss diese Verantwortung nicht tragen. Ich kann mich jemandem zuwenden. Ich kann mich hinter jemanden stellen. Ich kann einen eigenen Platz einnehmen. Ich darf Unterstützung annehmen. Oder: Ich kann heute als erwachsene Person etwas tun, was mir in einer früheren Situation nicht möglich war.

Die neue Möglichkeit wird nicht bloß formuliert. Sie wird körperlich, emotional und in ihrer Beziehungswirkung erlebt. Gerade darin sehen wir einen zentralen Wirkfaktor der Aufstellungsarbeit.

5. Der Körper wird Teil des Veränderungsprozesses

Beziehungen erleben wir nicht nur gedanklich. Sie wirken sich auf unsere Körperhaltung, unseren Atem, unsere Spannung und unsere Bewegungsimpulse aus.

Deshalb spielt Körperwahrnehmung in unseren Aufstellungen eine wichtige Rolle. Eine Person bemerkt vielleicht: „Wenn ich dort stehe, bekomme ich Druck auf der Brust.“ „Mit etwas mehr Abstand kann ich wieder atmen.“ „Wenn ich mich umdrehe, wird es ruhiger.“ „Hier stehe ich stabiler.“

Solche Wahrnehmungen sind keine objektiven Messwerte. Sie beweisen nicht, dass eine bestimmte Interpretation richtig ist. Aber sie liefern Informationen über das subjektive Erleben in diesem Moment, über das, was Klient und System für ihre Entwicklung brauchen, über Bedürfnisse und fehlende Ressourcen und Verbindungen.

Wir verstehen den Körper deshalb nicht als geheimnisvollen Speicher, der uns eine verborgene Wahrheit über ein System mitteilt. Er ist vielmehr Teil unseres emotionalen und relationalen Erlebens und damit ein wichtiger und weiser Ratgeber im Trialog zwischen KlientIn, BeraterIn und Rückmeldungen ihres Systems.

Und wenn sich eine Position verändert und damit auch das körperliche Erleben, entsteht eine neue Erfahrung, die weit über ein rein intellektuelles Verstehen hinausgehen kann. Der Körper meldet sofort und erstaunlich präzise rück, welcher Abstand, welche Geste, Satz und Haltung stimmig und besser ist.

6. Ein Lösungsbild eröffnet neue Handlungsmöglichkeiten

Der Begriff Lösungsbild ist für unsere Arbeit zentral.

Damit meinen wir nicht ein perfektes Endbild, in dem plötzlich alle Konflikte verschwunden sind. Ein Lösungsbild ist vielmehr eine räumlich, emotional und körperlich stimmigere Organisation des Themas.

Vielleicht entsteht mehr Abstand. Vielleicht wird eine Grenze klarer. Vielleicht kommt eine bislang fehlende Ressource hinzu, eine fehlende Person. Vielleicht kann eine belastende Vergangenheit anerkannt werden, ohne weiterhin die Gegenwart bestimmen zu müssen. Oder es wird überhaupt erst sichtbar, was ein sinnvoller nächster Schritt sein könnte.

Eine Aufstellung endet deshalb meist nicht allein bei einer interessanten Erkenntnis. Die entscheidende Frage lautet: Was verändert sich dadurch für das reale Leben?

Manchmal entsteht eine konkrete Handlung: ein Gespräch führen, eine Entscheidung treffen, eine Grenze setzen, etwas abschließen oder Unterstützung suchen.

Manchmal ist die Veränderung subtiler. Jemand fühlt sich weniger verantwortlich, kann auf eine Person mit mehr innerem Abstand schauen oder reagiert in einer vertrauten Situation etwas anders als bisher.

Damit kehrt die Person mit einer veränderten inneren Organisation in ihr tatsächliches Beziehungssystem zurück. Und genau hier kommt die systemische Perspektive ins Spiel: Wenn ein Mensch sein Verhalten verändert, verändern sich auch seine Beziehungen. Andere reagieren darauf. Diese Reaktionen wirken wiederum auf die Person zurück. So können aus einer zunächst kleinen Veränderung neue Rückkopplungen und schließlich andere Beziehungsmuster entstehen.

Die Vergangenheit wird nicht verändert – aber unsere Beziehung zu ihr kann sich verändern

Besonders deutlich zeigt sich diese Logik bei biografischen und familiären Themen.

Schwere oder tragische Ereignisse in der Vergangenheit lassen sich nicht rückgängig machen. Was geschehen ist, ist geschehen. Aber die heutige Beziehung und Sichtweise zu dieser Erfahrung kann sich verändern.

Ein erwachsener Mensch kann beispielsweise heute etwas erleben, was ihm damals nicht möglich war: eine Grenze setzen, Schutz erfahren, sich selbst zur Seite stehen, eine Verantwortung zurückgeben oder eine andere Perspektive einnehmen.

Die Vergangenheit wird dadurch nicht „geheilt“ oder verändert. Aber eine neue Beziehungserfahrung kann neben die alte treten, sie ergänzen und in ihrer Bedeutung transformieren. Das kann verändern, wie eine frühere Erfahrung heute innerlich organisiert und erlebt wird.

Die Forschung zur sogenannten Gedächtnisrekonsolidierung bietet dafür einen interessanten möglichen Erklärungsrahmen: Erinnerungen sind demnach keine unveränderlichen Dateien. Werden sie aktiviert, können sie unter bestimmten Bedingungen mit neuen Erfahrungen verbunden und aktualisiert werden: Aufstellungen können solche Erinnerungs-Updates bieten. Das haben wir vielfach erlebt und genutzt. Ein Beispiel dazu findest du in der hier verlinkten Podcastfolge.

Für Aufstellungsarbeit ist das allerdings bislang keine nachgewiesene Wirkungsweise. Wir verstehen Gedächtnisrekonsolidierung deshalb als plausible wissenschaftliche Wirkhypothese, nicht als Beweis dafür, wie Aufstellungen wirken.

Was hat es mit der Wahrnehmung von Stellvertreter:innen auf sich?

Eine der ungewöhnlichsten Erfahrungen in Gruppenaufstellungen besteht darin, dass Stellvertreter:innen manchmal Gefühle, Körperempfindungen oder Bewegungsimpulse erleben und beschreiben, die von der aufstellenden Person als überraschend passend erlebt werden: Genau an diesem Bein hat mein Opa die Kriegsverletzung gehabt oder exakt so schaut mein Chef immer.

In der Aufstellungsarbeit wird dafür häufig der Begriff repräsentierende Wahrnehmung verwendet. Dieses Phänomen ist eines der beeindruckendsten und zugleich rätselhaftesten der Aufstellungsarbeit. Seine wissenschaftliche Erklärung ist allerdings offen. Aber es verweist wohl darauf, dass wir als Menschen sehr sensibel für Andere haben und feiner Beziehungen wahrnehmen als es uns bewusst ist.

Aus einer passenden Wahrnehmung folgt allerdings nicht automatisch, dass ein Stellvertreter objektive Informationen über eine andere Person oder ein Familiensystem empfangen hat.

Für unsere Arbeit ist deshalb eine klare Haltung wichtig. Wir behandeln Wahrnehmungen als Hypothesen und Angebote.

Eine Aussage wie „Ich spüre hier plötzlich große einen starke Unruhe“ bedeutet zunächst: Diese Person erlebt in ihrer Rolle als Stellvertretung für X in dieser räumlichen Beziehungskonstellation Y gerade eine starke Unruhe. Erst danach prüfen wir: Passt diese Wahrnehmung zum Anliegen? Entsteht Resonanz? Eröffnet sie eine hilfreiche neue Perspektive? Oder eben nicht?

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: „Ist diese Wahrnehmung wahr?“ Sondern: „Wie ist sie für den weiteren Prozess hilfreich?“

Zeigt eine Aufstellung die Wahrheit über ein System?

Wir glauben nicht, dass eine Aufstellung die Wahrheit über ein System zeigt.

Eine Aufstellung ist für uns keine Offenbarung darüber, wie Beziehungen „wirklich“ sind. Sie ist ein erfahrungsorientiertes Modell, sie zeigt Tendenzen, weist auf Risiken und Entwicklungsmöglichkeiten hin,

Dieses Modell entsteht aus der Wahrnehmung und dem Anliegen der aufstellenden Person, aus dem Prozess im Raum und aus den Hypothesen, die während der Arbeit entstehen.

Das bedeutet auch: Eine Aufstellungsleitung weiß nicht, was für eine Person „richtig“ ist. Sie kann Beobachtungen anbieten, Hypothesen formulieren, Veränderungen erproben und Unterschiede wahrnehmbar machen.

Ob etwas stimmig und hilfreich ist, bleibt aber letztlich bei der Person, um deren Anliegen es geht: Sie ist die Expertin für ihr System und ihr Leben. Diese Selbstverantwortung ist für uns ein wesentlicher Bestandteil professioneller Aufstellungsarbeit.

Braucht es für die Wirkung ein „wissendes Feld“?

In der Geschichte der Aufstellungsarbeit wurden unterschiedliche Modelle vorgeschlagen, um insbesondere repräsentierende Wahrnehmung zu erklären. Dazu gehören beispielsweise Vorstellungen eines „wissenden Feldes“, morphogenetischer Felder oder gelegentlich Bezüge zur Quantenphysik. Irgendwoher – so legt das Phänomen der repräsentierenden Wahrnehmung doch nahe – muss doch das Wissen oder die Information kommen, wie die Stellvertreter sich an den Positionen in der Aufstellung fühlen.

Wir benötigen solche Erklärungen für unsere Arbeit nicht – finden sie auch nicht produktiv, weil sie uns bei unserer Praxis nicht helfen. Vielleicht aber ist die Frage auch falsch gestellt: Vielleicht geht es nicht um Wissen, sondern um eine gemeinsame Rekonstruktion oder Reinszenierung.

Viele der Veränderungsprozesse, die wir bei Aufstellungen beobachten, lassen sich darüber hinaus auch bereits mit bekannten psychologischen Konzepten plausibel verbinden: Externalisierung, Perspektivwechsel, emotionales Erleben, Mentalisierung, Embodiment, Emotionsregulation, neue Beziehungserfahrungen, Integration und veränderte Handlungsmöglichkeiten.

Damit ist nicht automatisch alles erklärt. Gerade die repräsentierende Wahrnehmung wirft weiterhin interessante Fragen auf.

Wir finden es jedoch wissenschaftlich und professionell angemessener, eine Frage offen zu lassen, als eine ungeklärte Erfahrung vorschnell mit einer spektakulären Theorie zu beantworten.

Was sagt die Forschung über die Wirksamkeit von Aufstellungen?

Die wissenschaftliche Forschung zur systemischen Aufstellungsarbeit ist bislang deutlich ärmer als die Forschung zu etablierten psychotherapeutischen Verfahren.

Ein systematischer Review aus dem Jahr 2021 fand zwölf prospektive quantitative Studien mit insgesamt 568 Teilnehmenden. Neun der zwölf Studien berichteten statistisch signifikante Verbesserungen nach der Intervention; die Meta-Analyse von fünf Studien ergab für allgemeine psychische Belastung einen mittleren Effekt. Gleichzeitig bewerteten die Autor:innen die Menge und Gesamtqualität der Evidenz als niedrig. In einzelnen Studien wurden zudem bei einem kleinen Teil der Teilnehmenden unerwünschte Effekte berichtet.

Zu den besser kontrollierten Untersuchungen gehört die Heidelberger Forschungsgruppe, die in randomisierten Studien Veränderungen des psychischen Befindens und des Erlebens persönlicher sozialer Systeme untersuchte. Eine neuere randomisierte Studie aus dem Jahr 2024 fand zwar Verbesserungen innerhalb der Interventionsgruppe, aber keinen statistisch signifikanten spezifischen Vorteil gegenüber der Kontrollgruppe über die Zeit. Aufgrund pandemiebedingter Veränderungen des Aufstellungsformats war die Übertragbarkeit zudem eingeschränkt.

Der derzeit angemessene Schluss lautet daher: Es gibt empirische Hinweise darauf, dass Aufstellungsarbeit hilfreiche Veränderungen unterstützen kann. Die bisherige Forschung reicht jedoch nicht aus, ihre Wirksamkeit abschließend zu beurteilen oder ihre Wirkung eindeutig einzelnen Mechanismen zuzuschreiben.

Gerade deshalb ist es sinnvoll, Forschung zu Aufstellungen mit der breiteren Psychotherapie- und Beratungsforschung in Beziehung zu setzen. Mehrere Prozesse, die in Aufstellungen vorkommen – etwa emotionales Erleben, Perspektivwechsel, Emotionsregulation oder das Erproben neuer Beziehungserfahrungen – sind auch aus anderen therapeutischen Verfahren bekannt und dort zum Teil deutlich besser untersucht.

Wahrscheinlich wirkt nicht ein einzelner Faktor

Vielleicht führt deshalb schon die Frage „Warum wirkt eine Aufstellung?“ ein wenig in die falsche Richtung.

Psychologische Veränderung entsteht selten durch einen einzigen Mechanismus. Auch in einer Aufstellung können verschiedene Prozesse gleichzeitig wirken.

Ein inneres Beziehungsmuster wird räumlich sichtbar. Ein bislang schwer greifbares Gefühl wird spürbar und verbalisiert und ausgedrückt. Eine Situation kann aus einer neuen Perspektive betrachtet werden. Ein bisher ausgeblendeter Anteil bekommt einen Platz. Eine Grenze wird erlebt. Eine neue Beziehungserfahrung entsteht. Der Körper reagiert auf eine veränderte Position. Das Nervensystem und die Emotionen werden reguliert. Und daraus entwickelt sich vielleicht eine neue Sicht- und Erlebnisweise und eine Handlungsmöglichkeit, die vorher nicht zugänglich war.

Wir verstehen Aufstellungsarbeit deshalb am ehesten als einen integrativen, erfahrungsorientierten Prozess, in dem innere Beziehungsbilder räumlich, emotional und körperlich zugänglich werden und neue Beziehungserfahrungen und Handlungsmöglichkeiten erprobt werden können.

Was wir wissen – und was wir offenlassen

Einige Wirkprozesse von Aufstellungen lassen sich heute gut an bestehende psychologische Konzepte der Veränderung anschließen.

Aufstellungen externalisieren innere Beziehungsbilder. Sie ermöglichen Perspektivwechsel. Sie können relevantes emotionales und körperliches Erleben aktivieren. Und sie schaffen einen Raum, in dem neue Positionierungen und Beziehungserfahrungen ausprobiert und erlebt werden können. Und das alles in einer wertschätzenden und tragenden Gruppe und Beratungsbeziehung.

Weniger klar ist, welche dieser Prozesse bei Aufstellungen tatsächlich den größten Anteil an Veränderungen haben. Und offen ist weiterhin, wie genau das Phänomen der repräsentierenden Wahrnehmung zustande kommt.

Diese Offenheit empfinden wir nicht als Schwäche. Sie entspricht unserer Haltung. Phänomenologisch zu arbeiten bedeutet für uns auch, eine Erfahrung ernst nehmen zu können, ohne sofort behaupten zu müssen, ihre Erklärung und Ursache zu kennen.

Am Ende ist deshalb für uns nicht entscheidend, ob eine Aufstellung eine verborgene Wahrheit über ein System enthüllt. Entscheidend ist, ob sie einem Menschen hilft, sein eigenes Beziehungserleben besser zu verstehen, etwas Neues zu erfahren und daraus mehr Freiheit für sein Handeln zu gewinnen.

Wissenschaftliche Quellen und weiterführende Literatur

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