Weibliche Emanzipation in Beziehungen – ein transgenerationales Thema
Ein Fallbeispiel aus der Aufstellungsarbeit
Viele Menschen merken erst spät, dass sie sich in Beziehungen schwer abgrenzen können. Bedürfnisse werden lange zurückgestellt, Grenzen werden erst ausgesprochen, wenn innerlich bereits ein Rückzug oder sogar eine Trennung stattgefunden hat.
Abgrenzung in Beziehungen lernen bedeutet deshalb oft nicht nur, neue Kommunikationsstrategien zu entwickeln. Häufig spielen auch tiefere familiäre oder transgenerationale Muster eine Rolle.
Das folgende Fallbeispiel aus der systemischen Aufstellungsarbeit zeigt, wie der Kontakt zum eigenen inneren Kern helfen kann, Abgrenzung in Beziehungen zu lernen, ohne die Verbindung zu den eigenen Wurzeln zu verlieren.
(Zum Schutz der Privatsphäre wurden einzelne Details verändert.)
Ausgangssituation: Eine Frau möchte Abgrenzung in Beziehungen lernen
Im Rahmen eines Weiterbildungsmoduls zur Arbeit mit Paarbeziehungen arbeitete eine etwa 45-jährige Frau mit russischen Wurzeln an einem persönlichen Anliegen.
Einige Zeit zuvor – etwa vier bis sechs Monate – hatte sie sich von ihrem Partner getrennt. Die Trennung war nach einem längeren inneren Prozess erfolgt und letztlich im Guten geschehen. Beide konnten gut damit leben.
Nach der Trennung erlebte sie zunächst ein Gefühl von Freiheit und Erleichterung. Gleichzeitig stellte sie sich eine wichtige Frage.
Rückblickend hatte sie bemerkt, dass sie in der Beziehung ihre Grenzen sehr lange nicht wahrgenommen hatte. Innerlich hatte sie sich bereits deutlich früher von ihrem Partner entfernt, bevor sie schließlich die Trennung ausgesprochen hatte.
Sie formulierte ihr Anliegen so:
„Ich habe in der Beziehung meinen Kern nicht gespürt.“
Ihr Wunsch war es, Abgrenzung in Beziehungen zu lernen, damit zukünftige Beziehungen nicht erst dann enden müssen, wenn sie sich innerlich bereits zurückgezogen hat.
Sie wollte:
- ihre eigenen Bedürfnisse früher spüren
- Grenzen rechtzeitig wahrnehmen
- diese klar aussprechen können
- Beziehungen gestalten, ohne sich selbst zu verlieren
Im Gespräch wurde außerdem deutlich, dass sie einen Zusammenhang zu ihrer weiblichen Herkunftslinie vermutete.
Die Aufstellung: Wie Abgrenzung in Beziehungen sichtbar wird
Für die Aufstellung wurden folgende Elemente gewählt:
- eine Stellvertreterin für die Klientin
- eine Stellvertreterin für die weibliche Ahnenlinie
- ein möglicher zukünftiger Partner
Der Partner diente zunächst als Testfigur. Am Ende sollte überprüft werden, ob sich die innere Haltung der Klientin verändert hatte und ob sie nun Abgrenzung in Beziehungen besser verkörpern kann.
Das innere Dilemma zwischen Verbindung und Abgrenzung
Schnell zeigte sich eine starke Verbindung zwischen der Klientin und der weiblichen Ahnenlinie.
Gleichzeitig entstand ein deutlich spürbares Dilemma.
Die Stellvertreterin beschrieb zwei gegensätzliche Impulse:
- Einerseits wollte sie sich abgrenzen und ihren eigenen Weg gehen.
- Gleichzeitig wollte sie die Verbindung zu den Frauen ihrer Familie nicht verlieren.
Auch räumlich zeigte sich eine interessante Dynamik. Die Ahninnen standen sehr präsent im Raum und suchten immer wieder die Nähe zur Klientin.

Dieses Bild macht sichtbar, warum es manchmal so schwierig ist, Abgrenzung in Beziehungen zu lernen:
Es geht nicht nur um die aktuelle Partnerschaft, sondern auch um Loyalitäten gegenüber der eigenen Herkunft.
Würdigung der Ahnen als erster Lösungsschritt
Die Stellvertreterin der Klientin wandte sich an die Frauen ihrer Familie und sagte:
„Schaut freundlich auf mich, wenn ich es anders mache als ihr.“
Und ergänzend ließ ich sie noch die weiblichen Ahnen für ihre Leistung für die Familien würdigen.
„Danke für alles, was ihr für unsere Familie getragen habt.“
Dabei wurde deutlich, dass sie ein starkes Schuldgefühl spürte. Ein Teil von ihr hatte das Gefühl, die Leistungen der Frauen zu verraten, wenn sie selbst einen anderen Weg gehen würde.
Sie ergänzte:
„Durch das, was ihr geleistet habt, kann ich heute freier und selbstbestimmter leben.“
Diese Würdigung brachte etwas Entspannung in die Situation, löste die Dynamik jedoch noch nicht vollständig.
Den eigene Kern spüren – eine Voraussetzung für Abgrenzung
Im Gespräch hatte die Klientin mehrfach gesagt, sie spüre ihren Kern bzw. ihre Genzen nicht.
Deshalb ergänzte ich ein weiteres Element: den Kern der Klientin.

Die Stellvertretung für diesen Kern zeigte eine bemerkenswerte Dynamik. Der Kern stand zunächst nicht klar bei der Klientin, sondern bewegte sich zwischen ihr und der Ahnenlinie. Und die weiblichen Ahnen schienen sehr interessiert, ja sogar angezogen vom Kern der Klientin.
Der fehlende Kern der Ahnen
An diesem Punkt entstand eine neue Hypothese: Vielleicht hatten auch die weiblichen Ahninnen keinen stabilen Kontakt zu ihrem eigenen Kern.
Deshalb wurde zusätzlich der Kern der Ahnen aufgestellt.
Die Wirkung war unmittelbar sichtbar. Der Kern der Ahnen bewegte sich sofort zu ihnen. In diesem Moment wurden die Ahninnen deutlich ruhiger.
Es entstand der Eindruck, dass sie zuvor etwas bei der Klientin gesucht hatten – Kontakt zum eigenen Kern.

Die Klientin wandte sich an die Frauen ihrer Familie und ich ließ sie die folgenden Worte sagen:
„Liebe Mütter, ich kann euch euren Kern nicht ersetzen!
Ich habe meinen und ihr habt euren!“
Dieser Satz brachte eine neue Ordnung in die Situation.
Der eigene Kern gehört zur Klientin.
Der Kern der Ahninnen gehört zu ihnen.
Erst durch diese klare Zuordnung konnte sich die Dynamik entspannen.
Der Test: Kann die Klientin nun Abgrenzung in Beziehungen lernen?
Zum Abschluss wurde der zuvor aufgestellte Stellvertreter für einen möglichen Partner wieder einbezogen.

Die Stellvertreterin der Klientin drehte sich zu ihm um: Zum ersten Mal standen sich beide wirklich gegenüber.
Die Klientin stand nun sichtbar in Kontakt mit ihrem eigenen Kern. Dadurch entstand eine neue Qualität der Begegnung.
Reflexion der Aufstellung
Systemische Loyalität – warum Abgrenzung sich manchmal wie Verrat anfühlt
Ein zentrales Moment in dieser Aufstellung war das Schuldgefühl der Klientin.
Der Familientherapeut Ivan Boszormenyi-Nagy beschrieb solche Dynamiken als unsichtbare Loyalitäten zwischen Generationen.
Gerade in Familien, in denen Frauen über Generationen hinweg viel Verantwortung getragen haben, kann es sich innerlich schwierig anfühlen, Abgrenzung in Beziehungen zu lernen.
Der eigene Kern und systemische Selbstintegration
Die Dynamik dieser Aufstellung lässt sich auch mit einem Konzept des systemischen Therapeuten Ero Langlotz verstehen.
Langlotz spricht von systemischer Selbstintegration. Dabei steht das eigene Selbst oder der Kern im Mittelpunkt der persönlichen Orientierung.
Wenn Menschen versuchen, mit ihrem eigenen Selbst etwas auszugleichen, das in ihrem Familiensystem fehlt, nennt Langlotz dies eine „Verstrickung im System Individuum“.
Fazit: Abgrenzung in Beziehungen lernen beginnt im Kontakt mit sich selbst
Dieses Fallbeispiel zeigt eine Dynamik, die viele Menschen kennen: In Beziehungen – gerade in engen Paarbeziehungen – kann man sich verlieren. Denn immer wieder stellt sich uns die Herausforderung das Dilemma zwischen Autonomie und Bezogenheit zu lösen:
- Nehme ich mir heute den Raum und gehe alleine in die Sauna oder verbinde ich den Abend mit meinem Partner?
- Verzichte ich auf den Ausflug mit meinen Freunden am Wochenende oder mute ich meinem Partner ein Wochenende allein mit den Kindern zu?
- Sage ich, dass ich heute nicht kuschelig bin oder lasse ich mich auf Intimität ein?
Abgrenzung in Beziehungen zu lernen bedeutet nicht nur, „Nein“ sagen zu können. Oft braucht es zunächst einen tieferen Schritt: den Kontakt zum eigenen Kern sowie den Mut und die Fähigkeit über die eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu kommunizieren.
Erst wenn wir spüren,
- was wir brauchen
- wo unsere Grenzen liegen
- was sich stimmig anfühlt
können wir Beziehungen gestalten, ohne uns selbst zu verlieren.
Die Aufstellung half der Klientin, genau diesen Kontakt wiederzufinden – verbunden mit ihrer Herkunft und gleichzeitig frei, ihren eigenen Weg zu gehen.

