Wie erzählst du von einer systemischen Aufstellung – ohne dich erklären oder rechtfertigen zu müssen? Dieser Beitrag zeigt, warum Aufstellungserfahrungen oft schwer vermittelbar sind und wie bewusstes Rahmensetzen echte Resonanz statt Diskussion ermöglicht. Denn entscheidend ist nicht, ob du erzählst – sondern wie.
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ToggleErfahrungen von Aufstellungen teilen – ohne sich erklären zu müssen
Menschen, die eine systemische Aufstellung erlebt haben, verspüren oft den Wunsch, davon zu erzählen – dem Partner, engen Freunden oder Kolleginnen. Schließlich war die Erfahrung intensiv, bewegend und häufig klärend.
Doch ist es wirklich hilfreich, von einer eigenen Aufstellung, ob Familienaufstellung oder Paaraufstellung oder Aufstellung von inneren Anteilen zu berichten? Und wenn ja: Wie gelingt das, ohne in Rechtfertigungen oder Diskussionen zu geraten?
Dieser Beitrag beleuchtet die Frage aus der Praxis der systemischen Aufstellungsarbeit. Ich selbst habe oftmals von eigenen Aufstellungen erzählt und erfahren, wann es funktionieren und wann es unbefriedigend sein kann.
Warum der Wunsch zu erzählen so groß ist
Eine Aufstellung ist in der Regel ein stark emotionales und körperlich erfahrbares Geschehen.
Sie wirkt nicht nur auf der kognitiven Ebene, sondern vor allem durch:
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- symbolisch-räumliches Erleben
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- nonverbale Kommunikation
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- Beziehungserfahrungen im Raum
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- emotionale Verdichtung
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- innere Bilder und körperliche Resonanz.
Nach solch einer Erfahrung entsteht häufig der Wunsch, das Erlebte zu teilen. Das ist menschlich – und verständlich.
Warum es oft schwierig ist, von Aufstellungserfahrungen zu erzählen
Früher wurde von AufstellerInnen häufig pauschal empfohlen, das Erlebte zunächst „wirken zu lassen“ und nicht sofort darüber zu sprechen, um die Wirkung oder Verarbeitung nicht zu „schwächen“.
Aus heutiger Sicht würde ich differenzierter formulieren:
Das Problem liegt weniger im Erzählen selbst – sondern in der Art des Zuhörens oder der Rahmung des Gesprächs.
Menschen, die nicht an der Aufstellung teilgenommen haben, können nur schwer nachvollziehen, was im Raum geschehen ist. Der Grund:
Erleben und Erzählen sind zwei unterschiedliche Weltzugänge
Die emotionale Dichte einer Aufstellung ist sprachlich kaum vermittelbar. Um sie wirklich „transportieren“ zu können, müsste eine Erzählung literarisch verdichtet sein, eine wirkliche Erzählung eben, die beim Zuhörer stellvertretend Erleben erzeugt. Stattdessen berichten wir aber eher von Aufstellungen und unser gegenüber versteht unsere Ausführungen meist auch als Bericht.
Die typische Falle: Diskussion statt Resonanz
Wenn wir von einer Aufstellung erzählen, reagieren Zuhörende häufig mit dem Wunsch zu verstehen:
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- „Wie meinst du das genau?“
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- „Glaubst du wirklich, dass das so war?“
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- „Ist das nicht Projektion?“
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- Vielleicht muss man das anders interpretieren?
Gerade psychologisch interessierte oder kritisch denkende Menschen steigen schnell in eine Analyse ein. Doch hier entsteht ein Missverständnis:
In der Aufstellungsarbeit geht es nicht primär um rationales Verstehen, sondern um Bewusstwerden von Beziehungszusammenhängen durch symbolisches (Nach-)Erleben.
Das eigene Erleben ist subjektiv – und darin ist der Erlebende die einzige Autorität oder Experte.
Wenn daraus eine Diskussion über „Wahrheit“ entsteht, endet das Gespräch oft unbefriedigend.
Typische Reaktionen des Erzählenden sind dann:
„Das kannst du nicht nachvollziehen.“
„Das muss man selbst erleben.“
„Das war meine Wahrnehmung.“
Solche Gespräche schaffen eher Distanz als Verbindung.
Wann Erzählen von Aufstellungen vertiefend wirken kann
Es gibt jedoch eine Form des Zuhörens, die das Teilen einer Aufstellungserfahrung sogar vertiefen kann:
Eine bewertungsfreie, phänomenologische Haltung.
Das bedeutet:
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- Zuhören ohne zu analysieren
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- Wahrnehmen ohne zu interpretieren
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- Resonanz geben ohne zu korrigieren
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- Raum lassen für subjektives Erleben.
Diese Haltung wird in der systemischen Aufstellungsarbeit kultiviert. Auch in Ansätzen wie der Theorie-U von Otto Scharmerwird eine ähnliche Form des tiefen Zuhörens ohne Bewerten beschrieben, die dort „emphatisches Zuhören“ genannt wird (vgl. Video Otto Scharmer: Zuhören ist nicht gleich zuhören).
Das setzt allerdings voraus, dass der Zuhörende die eigene Meinung und Urteile suspendieren kann und diese innere Spannung gut regulieren kann, was zugegeben, nicht immer einfach ist.
Wenn eine vertraute Person bereit ist, auf diese Weise zuzuhören, kann das Erzählen:
- Integration fördern
- emotionale Verarbeitung unterstützen
- Nähe vertiefen
- Selbstklärung stärken
- Verbundenheit zwischen ErzählerIn und Zuhörendem vertiefen.
Der entscheidende Schritt: Den Rahmen setzen
Da diese Art des Zuhörens nicht selbstverständlich ist, empfehle ich, vor dem Erzählen bewusst einen Rahmen zu setzen.
Zum Beispiel durch eine kurze Bitte:
„Wenn ich dir davon erzähle, wünsche ich mir, dass du einfach zuhörst, wie ich es erlebt habe.
Es geht nicht um objektive Wahrheit, sondern um mein persönliches Erleben in der Aufstellung – um meine Wahrnehmungen, Gefühle und Bedürfnisse.
Magst du mir auf diese Weise zuhören?“
Diese kleine Rahmung verändert oft alles. Sie schafft:
- Klarheit
- Sicherheit
- Verbindung
- gegenseitigen Respekt
- Resonanz und Begegnung.
Fazit: Von Aufstellugen erzählen – ja. Aber bewusst!
Ob man von einer eigenen systemischen Aufstellung erzählen sollte, hängt aus meiner Sicht also weniger vom „Ob“ ab als vom „Wie“.
Wenn das Gespräch in Analyse oder Bewertung kippt, verliert es an Tiefe.
Wenn jedoch ein Raum von achtsamem Zuhören entsteht, kann das Teilen die Wirkung der Aufstellung sogar vertiefen.
Manchmal ist es sinnvoll, das Erlebte zunächst für sich wirken zu lassen. Gerade, wenn man selbst noch Zeit und Raum zum Nachspüren und Nacherleben braucht.
Danach kann es aber eben auch stärkend sein, die Aufstellungserfahrung zu teilen.
Entscheidend ist: Das eigene Erleben darf stehen bleiben – ohne Rechtfertigung.
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