Let‘s talk about Sex!
Ein Fallbeispiel aus der systemischen Aufstellungsarbeit zum Thema Paarbeziehung und Sexualität
Das folgende Beispiel einer Paaraufstellung beschreibt den Fall einer Klientin, deren Partnerschaft seit mehreren Jahren von einem zentralen Thema geprägt war: fehlende Intimität.
Zur Wahrung der Vertraulichkeit wurden Namen anonymisiert und Details verändert.
Ausgangssituation
Eine Klientin in den 40ern berichtete, dass sie seit etwa acht Jahren in einer stabilen Partnerschaft lebt. Seit rund fünf Jahren jedoch gab es zwischen ihr und ihrem Partner keine Sexualität mehr. Besonders irritierend für sie war, dass sie keinen klaren Auslöser benennen konnte:
- Es gab keine bekannten traumatischen Erfahrungen in ihrer Biografie oder ihrer Partnerschaft – insbesondere keine Übergriffe, kein Missbrauch.
- Es hatte keinen Betrug oder größere Verletzungen in der Beziehung gegeben.
- Auch im Alltag funktionierte die Partnerschaft weitgehend gut.
Trotzdem war die Sexualität aus der Beziehung verschwunden.
Ein weiteres Problem bestand darin, dass sie über dieses Thema nicht sprachen, auch wenn sie gemeinsam an ihrer Partnerschaft arbeiteten.
Gleichzeitig war ihr wichtig zu betonen: Sie und ihr Partner wollten die Beziehung weiterführen und wünschten sich eine Veränderung. Und: In den ersten vier Jahren ihrer Beziehung hatten sie ein gutes Sexualleben miteinander gehabt.
Das Anliegen der Aufstellung
Gemeinsam klärten wir zunächst das Ziel der Aufstellung. Es ging nicht darum, die Beziehung infrage zu stellen, sondern zu verstehen:
Was steht zwischen der Klientin und der Sexualität in der Beziehung?
Für die Aufstellung wurden folgende Elemente gewählt:
K – Stellvertreterin für die Klientin
P – Stellvertreter für den Partner
S – Stellvertreterin für die Sexualität der KlientIn.
KOM – Stellvertreterin für die Kommunikation der KlientIn über das Thema Sexualität.
Bild des Ist-Zustandes
Die Stellvertreterin für die Klientin (K) stellte sich etwa in die Mitte des Raumes und wandte sich ihrem Partner (P) zu.
Der Stellvertreter für den Partner reagierte unmittelbar:
Er legte sich auf den Boden, schloss die Augen und wirkte wie eingeschlafen.
Hinter der Klientin, etwa drei Meter entfernt, stand die Stellvertreterin für Sexualität (S). Sie blickte auf den Rücken von K und war für P wie ausgeblendet, nicht sichtbar.
Die Kommunikation (KOM) befand sich einige Meter rechts von K und hatte sich auf einen Stuhl gesetzt.

Das Bild zeigte damit eine auffällige Dynamik:
- Die Sexualität befand sich hinter der Klientin und war nicht im Blickfeld.
- Die Kommunikation war distanziert und passiv.
- Der Partner war wie abgeschaltet.
Erste Hypothese: Eine familiäre Überlagerung
Das Bild erinnerte zunächst an eine bekannte Dynamik: ein Kind, das zwischen seinen Eltern steht.
Auf Rückfrage dazu bestätigte die Klientin tatsächlich, dass sie in ihrer Herkunftsfamilie häufig eine vermittelnde Rolle zwischen ihren Eltern übernommen hatte. Wenn ihre Eltern Konflikte hatten, wurde sie als eine Art Bote zwischen ihnen hin und her geschickt und versuchte, zu vermitteln.
Diese Konstellation wurde kurz überprüft. Die Rückmeldungen der Stellvertretenden deuteten jedoch darauf hin, dass diese Dynamik zwar existierte, aber nicht das zentrale Thema der aktuellen Situation war. Daher ließen wir diese Hypothese wieder los. Und nahmen stattdessen S und KOM als echte Anteile von K ernst.
Die erste Intervention: Blickkontakt mit der Sexualität
Der nächste Schritt bestand dann darin, Kontakt zwischen K und S herzustellen. Sichtlich S ja wie ausgeblendet, da K nicht zu ihr hinschaute.
Dafür ließ ich die Stellvertreterin der Klientin sich um etwa 180 Grad drehen und Blickkontakt mit ihrer Sexualität herstellen.
Diese kleine Veränderung hatte eine spürbare Wirkung.
In dem Moment, in dem sich Klientin und Sexualität anschauten, reagierte auch die Kommunikation:
Die Stellvertreterin für KOM stand auf und ging mehrere Schritte näher heran.

Es entstand nun eine neue Formation: Ein Dreieck zwischen K, S und KOM.
Der Partner lag weiterhin am Boden – aber auch er zeigte erste Regungen: Er begann, die Augen zu öffnen und wirkte etwas wacher.
Annäherung der inneren Anteile
Im weiteren Verlauf näherten sich K, S und KOM langsam an und ich ließ ihnen die Zeit und den Raum dafür.
Die drei standen schließlich so nah beieinander, dass sie fast einander berühren konnten.
Die Dynamik wirkte wie ein Zusammenfinden von inneren Anteilen:
- die Person selbst
- ihre Sexualität
- ihre Fähigkeit zur Kommunikation über das Thema Sexualität.
Während sich dieses Dreieck stabilisierte, wurde auch der Partner immer wacher:
Er hob langsam den Kopf und zeigte Interesse an dem Geschehen.
Humor als Wendepunkt
Als sich die drei schließlich gemeinsam dem Partner zuwandten, setzte sich dieser plötzlich auf und sagte:
„Jetzt komme ich langsam hoch!“
Alle im Raum mussten lachen – nicht zuletzt wegen der offensichtlichen Doppeldeutigkeit.
Der Moment lockerte die Atmosphäre deutlich.
Körperliche Resonanz und atmosphärische Auswirkung
Die Stellvertreterin für Sexualität berichtete in diesem Moment:
„Ich bin sehr aufgeregt und eine meiner Hände wird ganz warm und feucht!“.
Auch sie bemerkte die doppelte Bedeutung dieser Wahrnehmung und beschrieb gleichzeitig ein Gefühl von Aufregung und Lebendigkeit und die Spannung entlud sich in einem allgemeinen Lachen über die Comic der Situation. Humor macht das Sprechen über Sexualität leichter und blockiert hat den schönen Nebeneffekt, Anspannungen und Angst aufzulösen.
Innere Ordnung herstellen
Im nächsten Schritt wurde geprüft, wo die beiden Anteile S und KOM im Verhältnis zur Klientin stehen wollten, um das Bild noch zu verbessern.
Es zeigte sich folgende stimmige Ordnung:
Sexualität rechts von K
Kommunikation links von K
Die beiden Anteile standen nun dicht neben ihr und schmiegten sich an die Schultern von K.

Ein wichtiger Satz der Anerkennung
Schließlich sagte die Stellvertreterin für K zu ihrem Partner:
„Danke, dass du geblieben bist – auch wenn es sechs Jahre keine Sexualität gab.“
Der Satz brachte spürbar Ruhe und Anerkennung in die Situation und zeigt die Verbundenheit der Partner.
Das fehlende Element: Selbstbestimmung
Dennoch blieb ein Gefühl, dass noch etwas fehlte.
Ich schlug vor, möglicherweise Autonomie oder Selbstbestimmung als weiteres Element aufzustellen – da Fragen von Sexualität häufig auch mit sexueller Selbstbestimmung zusammenhängen.
Die Stellvertreterin der Klientin reagierte darauf überraschend:
Sie sagte, eine zusätzliche Stellvertretung sei nicht notwendig.
Stattdessen machte sie eine kleine Bewegung, als würde sie sich Raum verschaffen, und sagte:
„Aber ich brauche jetzt etwas mehr Raum.“
Die beiden Anteile standen sehr nah an ihren Schultern.
Durch eine leichte Bewegung schuf sie etwas Abstand und in diesem Moment wurde deutlich:
Die Autonomie war bereits vorhanden – sie zeigte sich in ihrer eigenen Bewegung.
Der abschließende Lösungssatz
Zum Abschluss ließ ich die Klientin ihrem Partner noch einen Lösungssatz sagen:
„Ich entscheide selbst über mich und meine Sexualität – und darüber, wann, wo und wie ich bereit für Intimität bin.
Und ich kommuniziere und drücke es aus!“
Der Partner nickte zustimmend.

Damit war eine neue Haltung sichtbar geworden:
Nicht Rückzug oder Blockade standen im Vordergrund, sondern Selbstbestimmung und bewusste Entscheidung.
Nach diesem Satz lösten wir die Aufstellung auf.
Reflexion der Paaraufstellung
Die Aufstellung machte noch einmal sichtbar, dass Intimität dort entstehen kann, wo Menschen sich in Freiheit begegnen: nicht aus Erwartung oder Druck, sondern aus eigener Entscheidung, aus innerem Raum und aus dem Gefühl von Sicherheit.
Die entscheidende Wendung kam am Ende, als die Selbstbestimmung hinzutrat, nicht laut und kraftvoll, sondern zart durch den Raum, den die StellvertreterIn von K sich auch gegenüber ihren eigenen Anteilen nahm. Sie übernahm damit wieder ihre Souveränität als LeiterInn ihres inneren Teams und trat aus einem in Teilen trotzigem kindlichen Verhalten heraus.
Denn erwachsen sein bedeutet auch selbst für seine Grenzen und für seine Bedürfnisse einzustehen, diese auszudrücken und klar zu kommunizieren.
Oder, mit einem kleinen Augenzwinkern zusammengefasst:
KKKS: Keine Kommunikation – Kein Sex!

