– Ein Fallbeispiel aus unserer Aufstellungsarbeit zu Grenzen zwischen Mutter und Tochter
Der folgende Aufstellungsfall aus einem Praxisseminar zur Paar- und Aufstellungsarbeit beschreibt exemplarisch den Weg von der Identifikation zur Abgrenzung von der Mutter – und wie dadurch auch wieder mehr Klarheit in der eigenen Partnerschaft entstehen kann.
In der systemischen Aufstellungsarbeit wird immer wieder sichtbar, wie stark aktuelle Beziehungen von früheren Bindungsdynamiken geprägt sein können. Besonders deutlich zeigt sich dies in Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern, wenn eine sehr enge emotionale Verbindung entstanden ist, in der eigene Bedürfnisse kaum noch Raum haben.
(Zum Schutz der Privatsphäre wurden einzelne Details verändert.)
Das folgende Video visualisiert die zentralen Interventionen des Fallbeispiels.
Eine sehr enge Bindung zur Mutter hindert Selbstfürsorge
Die Klientin berichtete von einer sehr intensiven Beziehung zu ihrer Mutter. Zwischen beiden bestand eine starke emotionale Verbindung, die teilweise etwas Verschmelzendes hatte: viel gegenseitiges Zuhören, viel emotionales Getragensein – aber auch eine große Verantwortung der Tochter für die Bedürfnisse der Mutter.
Über viele Jahre hinweg hatte die Klientin eine Rolle übernommen, in der sie emotional für ihre Mutter da war, ihr zuhörte und ihre Sorgen mittrug.
Die eigenen Bedürfnisse traten dabei zunehmend in den Hintergrund. Diese Dynamik wirkte sich auch auf ihre Partnerschaft aus.
Die Klientin bemerkte, dass sie ihren eigenen Mann oft kaum noch wirklich wahrnehmen konnte, denn innerlich blieb sie stark auf ihre Mutter ausgerichtet.
Ihr Anliegen für die Aufstellung war daher:
- die Beziehung zur Mutter noch einmal genauer anzuschauen
- mehr Abstand und Eigenständigkeit zu entwickeln
- wieder stärker in Kontakt mit den eigenen Bedürfnissen und Grenzen zu kommen.
Wichtig ist zu erwähnen, dass diese Klientin bereits längere Zeit mit mir gearbeitet hatte. Zu Beginn unserer Zusammenarbeit fiel es ihr sehr schwer, zwischen den eigenen Bedürfnissen und denen anderer Menschen zu unterscheiden. Sie war so stark daran gewöhnt, für andere da zu sein, dass sie die Bedürfnisse anderer sensibel wahrnahm, während sie die eigenen nicht ausreichend achtete.
Erste Klärung: Kann sie sich selbst von der Mutter unterscheiden?
Zu Beginn der Aufstellung arbeitete ich zunächst mit einer verdeckten Stellungsarbeit:
Zwei Stellvertreterinnen wurden im Raum positioniert – eine für die Mutter und eine für die Klientin selbst. Die Klientin wusste zunächst nicht, welche Person welche Rolle hatte.
Sie wurde gebeten, sich zu den beiden Personen in Beziehung zu setzen und zu erspüren, wer ihre Mutter und wer sie selbst sein könnte. Die Unterscheidung gelang ihr erstaunlich klar.

Als sie ihrer Mutter gegenüberstand, wurde aber die emotionale Verbindung der beiden sofort spürbar.
Sie nahm die Hand der Stellvertreterin, hatte Tränen in den Augen und äußerte den sagte:
„Ich bin dir so verbunden. Aber ich will jetzt meinen eigenen Weg gehen!“
Dieser Moment machte deutlich, wie stark die Verbundenheit war – und gleichzeitig, wie sehr sich die Klientin nach mehr Eigenständigkeit sehnte.
Wenn Wut im System auftaucht
Im nächsten Schritt stellten wir weitere Elemente der Situation auf:
- die Klientin
- die Mutter
- den Partner
- die Wut der Klientin bzw. die gesunde Aggression, die man für Abgrenzung und eigene Bedürfnisse braucht.
Interessanterweise wusste die Stellvertretung der Wut zunächst gar nicht, zu wem sie eigentlich gehörte. Sie bewegte sich zwischen Mutter und Tochter.
Diese Unklarheit spiegelte die Situation der Klientin sehr treffend wider. Lange Zeit hatte sie ihre eigenen Gefühle kaum wahrgenommen oder klar zugeordnet.

Erst als ich als Leitung noch einmal deutlich benannte, dass es sich um die Wut der Klientin handelt, bewegte sich die Stellvertreterin der Wut deutlich näher zu ihr.
Der Partner blieb währenddessen eher am Rand des Geschehens und hatte das Gefühl, im Moment noch nicht wirklich beteiligt zu sein.
Angst vor der eigenen Wut
Im weiteren Verlauf wurde deutlich, dass die Klientin große Angst vor ihrer eigenen Wut hatte.
Sie beschrieb sich selbst als sehr sensibel und spirituell orientiert und hatte den Wunsch, selbst beratend oder begleitend zu arbeiten, und mit ihrer Feinfühligkeit anderen zu helfen. Sie hatte ja auch schon ein lebenslanges Training für die Bedürfnisse anderer hinter sich. Gleichzeitig hatte sie großen Respekt vor der Intensität ihrer inneren Kräfte.
Im Gespräch zeigte sich bald: Hinter dieser Sorge stand vor allem eine Angst vor der eigenen Wut bzw. Kraft.
Viele Menschen, die lange gelernt haben, ihre Bedürfnisse zurückzustellen, erleben Wut zunächst als etwas Gefährliches. So befürchtete auch diese Klientin, dass diese Kraft für sie unkontrollierbar sein könnte.
Ich griff daher das Bild eines Dampfkessels auf. Wenn Druck zu lange im Inneren bleibt, kann er sich irgendwann explosionsartig entladen.
Wut muss jedoch nicht so wirken. Sie kann auch – wie über ein Ventil – dosiert Ausdruck finden.
Als mögliches „Ventil“ schlug ich ihr zunächst den sprachlichen Ausdruck vor. Ihre Emotionen zu formulieren, insbesondere ihre Wut, würden ihr erlauben, diese nicht als zerstörerische Energie zu erleben, sondern als Fähigkeit zur Selbstbehauptung und zum Ausdruck eigener Grenzen, Bedürfnisse und Ziele.
Lösungsorientierte Ausnahmen bzw. Ressourcen suchen
Um diese Erfahrung weiter zu vertiefen, fragte ich die Klientin nach Situationen aus ihrem Leben, in denen sie sich bereits einmal abgegrenzt hatte.
Zunächst fiel ihr kein Beispiel ein. Sie war überzeugt davon, dass sie sich grundsätzlich nicht abgrenzen könne.
Wir arbeiteten daher mit einem lösungsorientierten Ansatz und suchten nach Ausnahmen: kleine Situationen, in denen ihr doch einmal ein „Nein“ gelungen oder sie sich abgegrenzt hatte.
Nach einigem Nachdenken erinnerte sie sich an einzelne Situationen aus ihrer Kindheit, in denen sie einmal gesagt hatte:
Sie erzählte mir von einer Situation, in der sie als kleines Mädchen frech gewesen war und strahlte.
Ich fragte nach einer zweiten Ausnahme. Da ihr nichts mehr einfiel, schlug ich ihr Situationen vor.
Situationen, z.B. in denen du gesagt hast:
- „Stopp.“
- „Nein!“
- „Das möchte ich nicht!“
Bei der dritten Formulierung wurde sie ganz aufgeregt, denn eine schmerzhafte Erinnerung tauchte in ihr auf:
Als Kind war sie Opfer eines Übergriffs geworden. In dieser Situation hatte sie sich eigentlich abgrenzen wollen, konnte es jedoch nicht. Niemand hatte damals wirklich nachgefragt, und sie war mit dieser Erfahrung weitgehend allein geblieben. Sie musste einige Zeit im Krankenhaus verbringen, bis es ihr wieder gut ging. Die Mutter war zwar für sie körperlich da, aber emotional fühlte sie sich allein gelassen und unverstanden.

Während sie davon erzählte, zeigte ihr Körper eine starke Aktivierung. Sie begann sich schnell im Raum zu bewegen, fast wie ein innerer Fluchtimpuls.
Diese Bewegung durfte sich zunächst ausdrücken. Die körperliche Aktivierung, wohl eine sympathische Erregung wie sie die Polyvagaltheorie oder Somatic Experience in Situationen beschreibt, wenn man aus einem Freeze-Zustand aufwacht, wirkte wie eine verspätete, aber wichtige Selbstschutzreaktion.
In diesem Moment wurde deutlich: Die Wut, vor der sie so lange Angst gehabt hatte, enthielt auch eine wichtige Lebenskraft und Schutzfunktion.
Nach einiger Zeit beruhigte sich die Klientin und sie konnte nun die Stellvertreterin der Wut gut anschauen. Jetzt war auch deutlich, wovor sie unter anderem Angst gehabt hatte. Durch ihre Bewegung hatte sie die im Trauma gespeicherte Energie gelöst.
Rückgabe der übernommenen Verantwortung
Ein zentraler nächster Schritt der Aufstellung bestand darin, die Verantwortung für die Mutter symbolisch zurückzugeben.
Über viele Jahre hinweg hatte die Klientin eine Rolle übernommen, in der sie emotional für ihre Mutter da war:
Sie hörte zu, nahm Sorgen auf und versuchte, ihre Mutter zu stabilisieren.
Wie sie selbst später sagte, fühlte sie sich häufig wie ein „Mülleimer“ für die Belastungen ihrer Mutter.
Gerade im höheren Alter der Mutter wurde diese Dynamik noch einmal besonders aktiviert.

In einem ersten Ritual ging es daher darum, genau zu benennen, was die Klientin für ihre Mutter getragen hatte.
Schritt für Schritt formulierte sie:
- das ständige Zuhören
- das Aufnehmen der Sorgen der Mutter
- die Verantwortung für deren emotionales Gleichgewicht
- das Zurückstellen der eigenen Bedürfnisse.
Diese Aspekte wurden symbolisch in einen Stein gelegt, der für diese übernommene Last stand.
Die Klientin übergab diesen Stein schließlich ihrer Mutter mit den Worten sinngemäß:
„Das gehört zu deinem Leben.
Dafür bin ich nicht verantwortlich.
Das trage ich nicht mehr für Dich!“
Der Schicksalsstein: Verantwortung für das eigene Leben
Nach dieser Rückgabe ließ ich ein zweites Ritual folgen, um der Klientin deutlich zu machen, dass sie jetzt in die Selbstverantwortung gehen müsse. Die Übernahme des eigenen Schicksals durch das Aufnahmen ihres Schicksalssteins. Denn da die Klientin jahrelang für ihre Mutter Verantwortung und Sorge getragen hatte, hatte sie sich bzw. die eigenen Bedürfnisse vernachlässigt oder ausgeblendet hatte.
Während im ersten Schritt fremde Verantwortung zurückgegeben wurde, ging es also nun um die spiegelbildliche Bewegung: die Verantwortung für das eigene Leben anzunehmen. Der Stein stand nun symbolisch für das eigene Schicksal der Klientin – für ihre Gefühle, ihre Bedürfnisse, ihre Grenzen und ihre Selbstverantwortung.
Die Klientin nahm diesen Stein in beide Hände, drückte ihn fest an ihre Brust und begann zu schluchzen.
In diesem Moment wurde spürbar, wie tief diese Bewegung ging. Verantwortung für das eigene Leben anzunehmen bedeutet nicht nur Freiheit – sondern auch die Bereitschaft, das eigene Fühlen wirklich zu tragen.
Vom Denken zurück zum Fühlen
Dabei entstand ein besonders aufschlussreicher Moment, als ich die Klientin einlud, begleitend einen einfachen Satz auszusprechen:
„Ich kümmere mich jetzt um meine Gefühle und meine Bedürfnisse.“
Die Klientin veränderte diesen Satz jedoch sofort und formulierte stattdessen:
„Jetzt kümmere ich mich um meine Entwicklung.“
Diese kleine Verschiebung war sehr charakteristisch für ihre innere Dynamik. Immer wieder zeigte sich die Tendenz, schwierige Gefühle schnell in ein abstrakteres Konzept zu übersetzen. Sie ging mit ihrer Energie schnell in den Kopf und aus den Emotionen.
In diesem Moment war es mir wichtig, sie wieder zum konkreten Erleben zurückzuführen. Deshalb formulierte ich den Satz direktiv noch einmal vor und bat sie, genau diese Worte zu wiederholen:
„Jetzt kümmere ich mich um meine Gefühle und meine Bedürfnisse.“
Das fiel ihr zunächst schwer. Mehrfach wollte sie den Satz verändern oder erklären.
Ich blieb bewusst bei dieser einfachen Formulierung und ließ sie den Satz mehrfach aussprechen. Erst nach und nach wurde spürbar, dass sie begann, wirklich Kontakt zu ihren eigenen Gefühlen und Bedürfnissen aufzunehmen.
Neue Begegnung mit dem Partner
Erst nach dieser inneren Klärung wandte sich die Klientin wieder ihrem Partner zu.
Auch zu ihm ließ ich sie jetzt sagen:
„Ich bin für meine Bedürfnisse zuständig und äußere sie.
Du bist für deine Bedürfnisse zuständig.“

Damit wurde deutlich: In einer partnerschaftlichen Beziehung trägt jeder dennoch sein eigenes Schicksal oder ist selbstverantwortlich für die eigenen Bedürfnisse und Gefühle. Dafür sie auszudrücken, für sie einzustehen und angemessene Grenzen zu setzen.
Am Ende der Aufstellung war eine spürbare Veränderung wahrnehmbar.
Die Klientin stand deutlich klarer bei sich selbst. Sie hatte begonnen, ihre Wut als Ressource zu erleben und konnte sich gleichzeitig von der emotionalen Verschmelzung mit ihrer Mutter lösen. Dies zeigte sich auch in einer klareren, festeren Stimme.
Der Weg von der Identifikation zur Abgrenzung von der Mutter war damit nicht abgeschlossen – aber ein entscheidender Schritt war getan.
Und manchmal beginnt genau dort eine neue Form von Beziehung: eine Beziehung, in der Nähe möglich ist, ohne sich selbst zu verlieren.
Reflexion: Parentifizierung und systemische Selbst-Integration
Die Dynamik dieser Aufstellung lässt sich mit zwei Ansätzen besonders gut verstehen: mit dem Konzept der Parentifizierung sowie mit dem Ansatz der Systemischen Selbst-Integration, wie er von dem Münchner Psychiater und Aufsteller Ero Langlotz entwickelt wurde.
Parentifizierung: Wenn Kinder Verantwortung für Eltern übernehmen
Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter zeigte eine Dynamik, die in der systemischen Literatur häufig als Parentifizierung beschrieben wird. Kinder übernehmen dabei – meist unbewusst – Aufgaben oder Verantwortungen, die eigentlich zu den Eltern gehören. Sie werden emotional zu Zuhörern, Tröstern oder Stabilitätsfaktoren im Leben der Eltern.
Diese Rolle kann durchaus mit positiven Fähigkeiten verbunden sein: Viele parentifizierte Kinder entwickeln eine ausgeprägte Empathie und Sensibilität für andere Menschen.
Gleichzeitig verlieren sie jedoch häufig den Kontakt zu ihren eigenen Bedürfnissen.
In der beschriebenen Aufstellung wurde diese Dynamik sehr deutlich sichtbar. Die Klientin war stark daran gewöhnt, für ihre Mutter da zu sein, zuzuhören und deren Belastungen aufzunehmen. Die eigenen Gefühle und Bedürfnisse standen dabei lange im Hintergrund.
Gerade im Alter der Mutter wurde dieses Muster erneut aktiviert. Die Tochter fühlte sich wieder stärker verantwortlich für deren Wohlbefinden – und bemerkte gleichzeitig, wie sehr sie sich selbst dabei verlor. Das Rückgaberitual mit dem Stein markierte deshalb einen wichtigen Schritt: Die Verantwortung für das emotionale Leben der Mutter konnte symbolisch wieder dorthin zurückkehren, wo sie ursprünglich hingehörte.
Systemische Selbst-Integration nach Ero Langlotz
Die Interventionen der Aufstellung orientieren sich zugleich an Prinzipien der systemischen SelbstIntegration, einem Ansatz der Aufstellungsarbeit, der von Ero Langlotz entwickelt wurde. Dieses Verfahren erweitert die klassische Familienaufstellung um einen Fokus auf Selbstkontakt, Abgrenzung und Integration abgespaltener Persönlichkeitsanteile.
Im Zentrum dieses Ansatzes steht die Annahme, dass viele Menschen in einer grundlegenden Spannung leben:
zwischen dem Bedürfnis nach Verbundenheit und dem Bedürfnis nach Autonomie. Wird diese Balance in frühen Beziehungen gestört, entsteht häufig ein Symbiosemuster, in dem Menschen ihre eigene Identität teilweise aufgeben, um die Beziehung aufrechtzuerhalten.
Der Lösungsweg besteht darin, den eigenen inneren Raum wieder in Besitz zu nehmen und sich von übernommenen Rollen oder sogenannten Introjekten zu lösen – also inneren Anteilen, die ursprünglich aus den Erwartungen oder Belastungen anderer Menschen entstanden sind.
In der vorliegenden Aufstellung lassen sich mehrere typische Schritte dieser Selbst-Integration erkennen:
1. Integration abgespaltener Gefühle
Die Wut der Klientin erschien zunächst als eigenständige Stellvertretung im Raum. Bemerkenswert war, dass zunächst unklar war, zu wem diese Wut eigentlich gehörte – zur Mutter oder zur Tochter.
Erst als klar benannt wurde, dass es sich um die Wut der Klientin handelt, konnte sie sich an deren Seite positionieren. Dadurch wurde die Wut nicht länger als bedrohliche Energie erlebt, sondern als eine Ressource, die der Klientin hilft, ihre Grenzen zu schützen und für sich einzustehen.
2. Die eigene Grenze
Ein zentraler Gedanke der systemischen SelbstIntegration ist, dass gesunde Grenzen Voraussetzung für Autonomie und Selbstkontakt sind. Erst wenn Menschen unterscheiden können, was zu ihnen selbst gehört und was zum anderen gehört, entsteht ein eigener innerer Raum.
In der Aufstellung wurde diese Grenze sowohl körperlich im Raum als auch sprachlich sichtbar. Die einfachen Sätze wie
„Stopp!“ und, „Das gehört nicht zu mir.“ wirkten dabei wie ein Ventil, über das die zuvor unterdrückte Energie der Wut in eine konstruktive Form von Selbstbehauptung übergehen konnte.
3. Übernahme des eigenen Schicksals
Nach der Rückgabe der fremden Verantwortung folgte ein zweites Ritual: die Annahme des Schicksalsstein.
Während im ersten Schritt das zurückgegeben wurde, was nicht zur Klientin gehörte, ging es nun um die spiegelbildliche Bewegung: die bewusste Übernahme der Verantwortung für das eigene Leben.
In der systemischen SelbstIntegration wird dieser Schritt als entscheidend angesehen. Erst wenn fremde Belastungen abgegeben werden und gleichzeitig das eigene Schicksal angenommen wird, kann sich ein stabiler Selbstkontakt entwickeln.
Als die Klientin den Stein an ihre Brust drückte und zu weinen begann, wurde dieser Übergang deutlich spürbar: Sie übernahm Verantwortung für ihre eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Grenzen.
Vom Symbiosemuster zur eigenen Identität
Die Aufstellung zeigte damit eine typische Bewegung, wie sie in vielen systemischen Prozessen sichtbar wird:
- von der emotionalen Verschmelzung
- über die Integration abgespaltener Gefühle
- hin zu einer klareren eigenen Grenze
- und schließlich zu einer neuen Form von Beziehung.
Diese Bewegung lässt sich auch als Weg vom Symbiosemuster zur eigenen Identität beschreiben.
In diesem Sinne kann Aufstellungsarbeit – im Sinne der systemischen Selbst-Integration – nicht nur Beziehungen klären, sondern auch helfen, den eigenen inneren Raum wieder zu entdecken.

