Geschenke verpflichten! – Geben und Nehmen in Beziehungen

Im Potlatch, bei den nordamerikanischen Indianern, auch als „Fest des Schenkens“ bezeichnet, wird eine grundlegende Beziehungsdynamik deutlich, die uns oft in Familienaufstellungen und Systemaufstellungen begegnet.

Bei einem Potlatch wurden in ritueller Weise Geschenke, z.B. Perlen, Muscheln, Messingplatten Pferde oder sogar Sklaven, zwischen Stämmen ausgetauscht oder aber den Vorfahren geopfert. Je wertvoller die Geschenke waren, desto höher stieg das weltliche und/ oder spirituelle Ansehen und der Status des gebenden Stammes. Der Stamm aber, der weniger gab, fiel in der Hierarchie und galt in manchen Indianerkulturen sogar als unterworfen.

In Extremfällen wurden die Geschenke tatsächlich vor den Augen des anderen Stammes im Meer versenkt, statt übergeben. Auch das galt dann als Potlatch und musste in mindestens gleichem Wert erwidert werden. 

Ein archaisches Ritual, so könnte man denken! Doch diese Dynamik findet sich auch in unseren heutigen Beziehungen wieder – im Privaten wie auch im Beruflichen.

 

Geben und Nehmen als Metaprinzip in Systemen und dem Familienaufstellen

In dieser Tradition wird sichtbar, welche Bedeutung der Austausch von Geben und Nehmen in Beziehungen hat. Zwar mutet uns die Tradition des Potlatch irrational und archaisch an, aber wir finden diese Dynamik selbst in unseren heutigen Beziehungen stets am Werk. Deshalb achten wir bei der Aufstellungsarbeit auf den angemessenen Ausgleich von Geben und Nehmen und die Würdigung von Gaben – materieller oder immaterieller Art – durch Dank und Anerkennung. Dabei ist der Zusammenhang von Geben und Nehmen recht einfach: Ein angemessener Ausgleich stabilisiert eine Beziehung, ein fehlender Ausgleich zerstört die Beziehung. Eine Beziehung vertieft sich dann, wenn eine Gabe durch eine ein wenig höhere Gabe erwidert wir. Falls die Gabe aber durch eine ein wenig kleinere erwidert wird, so führt dies, nach mehrmaligen Geben und Nehmen dieser Art zur Auflösung der Beziehung.

Geben und Nehmen in Beziehungen

Dies lässt sich an verschiedenen Arten von Beziehungen verdeutlichen:

Freundschaftsbeziehungen:

Stellen Sie sich vor, Sie sind bei einem Bekannten oder Freund zu einem Abendessen eingeladen. Wahrscheinlich ist es für Sie selbstverständlich, dass Sie einen Wein, Pralinés oder Blumen als Dank für die Einladung und den Abend mitbringen. Tun Sie das nicht, so ist Ihnen das wahrscheinlich unangenehm. Ein anderes Beispiel in Freundschaften tritt beim Geben von Ratschlägen auf. Entwickelt sich eine Freundschaft dahin, dass der eine regelmäßig als der erfahrene Ratgeber auftritt und der andere als der Ratsuchende, führt dies zu einer auf Dauer unguten Veränderung der Beziehung. Der Ratgeber fühlt sich mehr und mehr über den Anderen erhaben, während der andere sich wahrscheinlich bald bevormundet und klein vorkommt.

Paarbeziehungen:

Noch häufiger kommt diese Dynamik in Paarbeziehungen vor, z.B. wenn der eine für den anderen viel tut, aufräumt, aufmerksam ist, Geschenke und Komplimente macht, der andere dies aber nicht angemessen erwidert. Dies kann ebenfalls dazu führen, dass ein Ungleichgewicht und eine Abhängigkeit entsteht, die bald keiner von beiden, auch nicht der Nehmende, mehr gut findet. Dieser nämlich wird sich bald schlecht oder schuldig fühlen oder sogar bemuttert bzw. bevatert, statt als ebenbürtigen Partner.

Eltern-Kind-Beziehungen:

Eine Eltern-Kind-Beziehung dagegen ist das Urbild für eine Beziehung, in der die eine Seite, die Eltern, dauerhaft mehr geben, als nehmen. Dies dient zum Wachstum des Kindes. Hier wiederum wäre es unangemessen, wenn das Kind dauerhaft in die gebende, erwachsene Rolle tritt. Dies wäre eine Überforderung des Kindes und würde außerdem zu einer Tendenz zur Selbstüberschätzung führen.

Organisationen und Firmen:

Schließlich kann man das Prinzip des angemessenes Ausgleichs von Geben und Nehmen auch in Organisationen beobachten. Die Entlohnung und die Anerkennung ist die Gegenleistung für investierte Arbeit der Mitglieder oder Arbeitnehmer. Auch hier sollte der Ausgleich angemessen sein, wenn man die Mitglieder an die Organisation binden will.

Geben und Nehmen im Familienaufstellen und in Systemaufstellungen

In der Aufstellungsarbeit kann symbolisch ein nicht stattgefundener Ausgleich nachgeholt werden, z.B. indem man sich bei einem anderen Familienmitglied für das Gegebene bedankt oder dessen Mühen anerkennt. So kann sich der Dankende z.B. frei machen von einem Gefühl der Schuld, das ihn belastet und bindet. Findet solch ein Ausgleich im Familienaufstellen angemessen statt, fühlen selbst die Beobachter der Aufstellung eine tiefe Rührung und Erleichterung mit den Betroffenen in der Aufstellung mit. Es wird deutlich, dass die Anerkennung und Wertschätzung ein grundlegendes soziales Bedürfnis ist und ihr Ausbleiben zu dauerhaften Zerwürfnissen, Stress und sogar psychosomatischen Erkrankungen führen kann.

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